Integrationen sind im SaaS Business ein wichtiger Erfolgsfaktor. Viele VC’s sehen Unternehmen mit einer erfolgreichen API-Strategie als vielversprechende Investments, weil dies die Grundlage für zukünftige Innovationen ist. Integration ist auch die Basis für Automatisierung sowie neuer Geschäftsmodelle. Vernetzung mit anderen Lösungen und die daraus entstehende zusätzliche Reichweite über ein Ökosystem sind außerdem essentiell für eine schnelle Verbreitung der eigenen Lösung. Mehrere Analysen belegen, dass besonders die schnell wachsenden und erfolgreichen SaaS Provider Integrationen strategisch betreiben. So haben beispielsweise die 15 größten SaaS Unternehmen im Schnitt 347 Integrationen  

Integrationen als Innovationstreiber 

Die grundsätzliche Botschaft solcher Marktbetrachtungen teilen wir. Integration ist nicht nur ein notwendiges Übel, sondern Innovationstreiber und ein wichtiger Baustein für jedes ambitionierte SaaS Start Up. Trotzdem sind diese generellen Aussagen oft nicht sehr hilfreich für den einzelnen Anbieter. Denn die Analysen sind oftmals stark verallgemeinert. Meist wird keine Unterscheidung nach Produkttypen oder Kundenfokus unternommen, sondern lediglich ein Bild über z.B. die weltweit umsatzstärksten SaaS-Anbieter hinweg gezeichnet. Für eine differenziertere Betrachtung nehmen wir uns in diesem Beitrag ein klassisches Thema vor: Die Cloud Buchhaltung für kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland. 

Was machen die internationalen Platzhirsche? 

Die international wohl bekanntesten Cloud Buchhaltungen für KMU sind QuickBooks und XeroNehmen wir diese als Benchmark, zeigen sich vier Bereiche, die den Stand und die Bedeutung von Integrationen verkörpern: 

1. Veröffentliche API-Beschreibung: Die Grundlage für Integration ist eine technische Schnittstelle. Und wer wirklich will, dass diese Schnittstelle auch genutzt wird, macht sie öffentlich verfügbar

2. Dedizierte Webseiten und AppCenter: Erfolgreiche Anbieter sehen Integration als zusätzlichen Mehrwert für Ihre Kunden und vermarkten diese aktiv. Dabei haben fast alle größeren Anbieter filterbare Kataloge über die Kunden oftmals nicht nur Informationen finden, sondern auch direkt eine Aktivierung vornehmen können

3. Anzahl der Integrationen: Dies ist nicht immer einfach zu ermitteln. Wir gehen daher von öffentlich beschriebenen Integrationen aus.  Wir unterscheiden zunächst nicht zwischen Integrationen die vom Anbieter selbst kommen, und Addons oder Apps die von Partnern integriert wurden

4. Verfügbarkeit auf Integrationsplattformen: Es gibt viele Plattformen, die dem Endnutzer erlauben seine Tools zu verbinden und Abläufe zu automatisieren. Sehr gut integrierte SaaS Provider ermöglichen Anbindungen nicht nur über das eigene Produkt, sondern sind auch auf gängigen Plattformen zu finden. Besonders für kleinere Unternehmen schauen wir hier auf Zapier, PieSync und Integromat

Xero und QuickBooks bieten jeweils weit über 500 Integrationen über ihre AppCenter an. Beide haben frei zugängliche APIBeschreibungen und sind zusätzlich auf allen Integrationsplattformen vertreten. Wie sieht es bei Anbietern in Deutschland aus? 

Interessent: Habt ihr auch bestehende Schnittstellen? 
Anbieter: Schnittstellen? DATEV, klar! Und Umsatzsteuervoranmeldung per ELSTER ist auch kein Problem! 
Interessent: Slack? Paypal? GoogleDrive? Shopify? 
Anbieter: Sie glauben gar nicht, was man mit einem CSV Import / Export so alles machen kann! 

Sonderstellung DATEV 

Spricht man in Deutschland über Buchhaltung kommt man an DATEV nicht vorbei. Eine Schnittstelle zu DATEV ist für jeden Anbieter in Deutschland ein must-haveDATEV hat sich in den letzten Jahre geöffnet und das Ökosystem etwas stärker forciertAuf dem eigenen Marktplatz werden für die Cloud Lösungen daher immerhin 138 Apps aufgeführt. Die Anzahl der Integrationen hat sicher viel mit der einmaligen Position im Markt und der zentralen Rolle der Steuerberater in Deutschland zu tun. Denn auch wenn DATEV Angebote direkt für kleine Unternehmen hat, ist es doch oftmals die Anbindung zum Steuerberater, die es für Unternehmen relevant macht. Aufgrund dieser Sonderstellung lassen wir DATEV aus dem folgenden Vergleich außen vor.  

Stand der Integration bei 20 führenden Anbietern 

Für den Vergleich haben wir auf 20 führende Anbieter von Buchhaltungslösungen aus der Cloud für Unternehmen von 1-50 Mitarbeiter geschaut. Je kleiner die Zielkunden sind, desto öfter wird der Begriff Buchhaltung ausgedehnt. Man verbindet damit eher Tools zur Erstellung und Management von Rechnungen als eine vollwertige, GoBD konforme Buchhaltung. Von den 20 betrachteten Anbietern sind 5 mehr im Bereich Angebots- und Rechnungsmanagement zu verorten. 

Immerhin 65% der Anbieter verfügen über eine öffentliche API-Beschreibung. Auch wenn man sich technisch teilweise 15 Jahre zurückversetzt fühlt, die technische Basis ist zumindest vorhanden. Allerdings legen die meisten Anbieter keinen großen Stellenwert darauf, auch tatsächlich vorhandene Integrationen zu bewerben. Nur 50% haben eine Übersicht von Standard Integrationen auf ihrer Webseite. Wir reden nicht von einem filterbaren Kataog mit Beschreibungen und Aktivierung, sondern lediglich von einer separaten Widmung des Themas auf der Webseite. Die allerwenigsten verfügen über ein echtes App oder Integration Center.  

Viele Anbieter bei Plattformanbietern nicht bekannt 

Schaut man auf die 10 Anbieter, die Integrationen dediziert ausweisen, kommt man auf einen Durchschnitt von 22 und Median von 18 vorhandenen Integrationen pro Anbieter. Inhaltich bestehen die Anbindungen meist entweder aus für Buchhaltung essentiellen Systemen wie Banking, ELSTER und DATEV oder aus Schnittstellen zu e-commerce Plattformen. Nur 5 der insgesamt 20 Anbieter lassen sich über gängige Integrationsplattformen anbinden. Dabei ist nur einer beim Marktführer Zapier und vier bei PieSync zu finden, was sicher auch mit der europäischen Herkunft der Plattform zu tun haben dürfte. Sehr viele Anbieter sind aber bei einer Suche auf den Plattformen, beispielsweise bei Zapier, nicht einmal dem Namen nach bekannt und somit für das internationale SaaS Ökosystem offensichtlich schlicht nicht relevant.  

Vier positive Beispiele 

Candis 

Candis ist klar auf den Bereich Rechnungsmanagement fokussiert und eher ein spezialisiertes Addon zu ERP oder umfangreicher Buchhaltung. Diese Rolle drückt sich auch in der Integrationsstrategie aus. Denn Candis bewirbt selbst nur sehr wenige Integrationen direkt, ist dafür aber auf den Seiten und AppCentern anderer Anbieter zu finden und kann damit dennoch ein Ökosystem als Multiplikator nutzen.

CANDIS Datev Export 

Lexoffice 

Der wahrscheinlich erfolgreichste Anbieter in unserer Betrachtung bietet nicht nur selbst ein breites Portfolio und tiefgehende Funktionen an. Mit 53 Erweiterungen ist lexoffice auch im Vergleich zu anderen Herstellern in Deutschland führend in der Integration. Außerdem sind sie als einzige auf Zapier verfügbar. 

 sevDesk 

Mit 80.000 Kunden ist das für den Bereich Buchhaltung noch junge Unternehmen sevDESK in Deutschland sehr erfolgreich unterwegs. Mit 30 Integrationen ist man auch hier vergleichsweise weit vorne. Besonders hervorzuheben ist das gut dokumentierte und zugängliche API. 

Fastbill 

Wie der Name verrät liegt ein starker Fokus auf dem Rechnungswesen. Fastbill bietet keine dedizierte Übersicht im Sinne eines AppCenters für Integrationen, sondern hebt diese nur vereinzelt in bestimmten Funktionen hervor. Interessant ist aber, dass Fastbill eine Anbindung an PieSync hat und damit wohl bewusst eher daraufsetzt, den Kunden vielfältige Integrationen über einen spezialisierten Drittanbieter zu ermöglichen.  

Fazit 

Nimmt man die internationalen Platzhirsche als Maßstab, ist der Abstand der Anbieter in Deutschland gravierend. Nicht einmal gemeinsam, kommen die 20 Anbieter auch nur auf die Hälfte der Integrationen von QuickBooks oder XeroIst damit wieder alles schlecht bei der Digitalisierung in Deutschland? Nicht unbedingt.  

Zum einen ist Buchhaltung ein stark lokalisiertes Thema und z.B. der amerikanische Markt allein durch seine Größe schwer mit dem deutschen zu vergleichen. Zum anderen ist die tatsächliche Integrierbarkeit wahrscheinlich besser als der Überblick vermuten lässt. Über Supportforen beispielsweise, lassen sich Hinweise auf weitere Integrationen finden. Das sie aber irgendwo in den Tiefen der Einstellungen und Dokumentation verstreckt sind zeigt auch, dass Integration für die meisten Anbieter schlicht ein Randthema ist.  

Integrationen bieten strategische Geschäftspotenziale

Diese Sichtweise ist langfristig bedenklich. Denn ein Ökosystem bietet nicht nur zusätzliches Wachstumspotenzial. Der Austausch von Daten ist auch eine wichtige Grundlage für zukünftige Innovationen, wie künstliche Intelligenz und Automatisierung. Integration strategisch anzugehen bedeutet, in einer immer stärker digital vernetzten Welt seine Nutzer dort abzuholen, wo sie es brauchen, um ihre Arbeit zu vereinfachen. Wer Buchhaltung nur als isolierte Disziplin für Fachanwender betrachtet, bleibt selbst „ein notwendiges Übel“.  

Für den Moment ist dies ausreichend, um lokal erfolgreich zu sein. Der Steuerberater ist in der Tat wahrscheinlich der wichtigere Multiplikator als ein Tech-Ökosystem. Damit kann man sich zufriedengeben. Man kann sich aber auch daran wagen, die Rolle der Buchhaltung ambitionierter und technologisch fortschrittlicher zu gestalten. Dem internationalen Wettbewerb sollte man nicht mit Protektionismus begegnen, sondern ihn mit besseren Produkten und Innovationen annehmen. Das würde nicht nur den KMU in Deutschland helfen, es wäre auch eine Chance selbst international eine größere Rolle zu spielen.  

 

Open Integration Hub als Unterstützung 

Die Bedeutung von Integration ist vielen SaaS Providern bewusst. Oftmals können sich aber besonders kleinere Anbieter den Entwicklungsaufwand nicht leisten, eine große Anzahl von Integrationen selbst anzubieten. Das Cloud Ecosystem hat daher mit dem Open Integration Hub ein Open Source Framework geschaffen, das bereits viele wichtige Bausteine zur Verfügung stellt. 

 

Bleibt hier auf dem Laufenden, um mehr über den Open Integration Hub zu erfahren, oder werdet gleich Teil unserer stark wachsenden Commuity  

 

Robin

Robin

Cloud Ecosystem

Robin hat Ökosysteme und Plattformen in seiner beruflichen DNA. Von Januar 2018 bis Mai 2020 verantwortete er als Community Manager das Management der OIH Community. Seit 2020 ist er als Projektleiter mit seinem Entwicklungsteam für die Entstehung der Open Integration Plattform verantwortlich.

Bildquellen: Beitragsbild: Shutterstock – Datev Export: Candis – Integration Quickbooks: Quickbooks